Bis zur Aufhebung 1773
Um die Mitte des 16. Jahrhunderts war die religiöse Situation und besonders
die Lage der katholischen Kirche in weiten Teilen der habsburgischen Erblande
verworren: viele Pfarren waren verwaist (in Wien hatte es 20 Jahre lang
keine Priesterweihe gegeben) und der Großteil des Adels neigte dem
Protestantismus zu. In dieser Lage ergriff König Ferdinand I. die Initiative.
Schon 1542 hatte er P. Nikolaus Bobadilla kennen gelernt, einen der ersten
Gefährten des Ignatius, und am Augsburger Reichstag 1545 hörte
er die Predigten des P. Claude Jay, von denen er tief beeindruckt war. So
schrieb der König am 11. Dezember 1550 an Ignatius von Loyola nach
Rom, dass er beabsichtige, in Wien möglichst bald ein Kolleg zu gründen.
Dazu bitte er um die Entsendung von Claude Jay und einigen anderen Jesuiten.
Ignatius stimmte sofort zu.
Bereits am 25. April 1551 trafen die ersten Jesuiten in Wien ein. Der Kaiser
wies ihnen zunächst einen Teil des Dominikanerklosters als Wohnung
zu. Von hier aus begann P. Jay zu predigen und Beichte zu hören. Bis
Ende desselben Jahres waren bereits 18 Jesuiten in Wien, und im März
1552 schloss sich ihnen P. Petrus Canisius an.
Von allem Anfang an wurde die Ausbildung der Jugend als besonders wichtig
erachtet. Deshalb begannen die Jesuiten bald mit dem Schulunterricht. Dies
führte zu einem Konflikt mit der Universität, die laut der albertinischen
Stiftungsurkunde von 1384 das alleinige Recht hatte, eine neue Schule zu
bewilligen. 1553 erhielt die Gesellschaft Jesu aber doch die offizielle
Erlaubnis der Universität. Der Unterricht war kostenlos und der Andrang
groß: 1554 zählte man in fünf Klassen bereits fast 300 Schüler.
Ebenfalls in diesem Jahr übersiedelten die Jesuiten mit allen Schülern
in ein neues Haus, in das ehemalige Karmeliterkloster Am Hof.
Zu dieser Zeit hatte die Wiener Universität durch politische Streitigkeiten,
die Pest von 1521, die permanente Bedrohung durch die Osmanen, finanzielle
Probleme sowie die Feindschaft zwischen Freunden und Gegnern Luthers einen
Niedergang erlebt. Ein Jahr nach der Türkenbelagerung von 1529 hatte
sie nur noch 30 Studenten, die juridische Fakultät war aufgelöst
worden und an der theologischen Fakultät fanden in manchen Jahren überhaupt
keine Vorlesungen statt. König Ferdinand beauftragte aus diesem Grund
eine Kommission (der auch Petrus Canisius angehörte) mit der Ausarbeitung
eines Reformplans, den er dann am 1. Jänner 1554 per Verordnung in
Kraft setzte.
Zur gleichen Zeit äußerte der König den Wunsch, ein Theologe
möge ein kurzes Handbuch der christlichen Lehre verfassen - daraus
entstand der bekannte Katechismus des Canisius, der erstmals 1555 in Wien
gedruckt wurde.
In den folgenden Jahrzehnten kam es immer wieder zu Spannungen zwischen
dem Jesuitenorden und der Universität. 1623 wurde schließlich
(mit Billigung Kaiser Ferdinands II.) eine Übereinkunft geschlossen,
die sogenannte "Pragmatische Sanktion". Darin verzichteten die
Jesuiten unter anderem auf das Rektorat der Universität, dafür
blieb die Ernennung von Jesuiten zu Professoren allein Sache des Ordens.
Im selben Jahr übersiedelten Schule sowie der philosophische und theologische
Lehrbetrieb in die Räume des früheren Herzogskollegs, das fortan
Collegium academicum hieß. Daraus entstand durch Renovierungen, Adaptierungen,
Abrisse und Neubauten das auch heute noch bestehende Viertel um die Alte
Universität. Das dazugehörende Gotteshaus, die heutige Jesuitenkirche,
wurde um 1703 von Andrea Pozzo SJ zu einer der schönsten Barockkirchen
Wiens umgestaltet.
Die Schüler- und Studentenzahlen wuchsen dermaßen an, dass 1650
aus Platzgründen die Schule wieder in die Jesuitenniederlassung Am
Hof zurückverlegt werden musste. Bedeutende Jesuiten-Professoren waren
u.a. der Mathematiker P. Paul Guldin (1577-1643), der Dramatiker P. Nikolaus
Avancini (1611-1686), der Astronom P. Maximilian Hell (1720-1792) und der
Dichter P. Michael Denis (1729-1800).
Neben ihrer Lehrtätigkeit hielten die Jesuiten Predigten in vielen
Wiener Kirchen, kümmerten sich um die Spitals-, Heeres- und Gefängnisseelsorge
und wirkten als Beichtväter. Ein Schwerpunkt ihrer Tätigkeit war
die Leitung der (Marianischen) Kongregationen verschiedener Stände
sowie von Bruderschaften. Von Bedeutung war auch das nicht immer unumstrittene
Wirken mancher Jesuiten als Hofbeichtväter (besonders zu erwähnen
ist hier P. Wilhelm Lamormaini als Beichtvater Kaiser Ferdinands II.).
Die Ausbildung am 1746 gegründeten Theresianum (einer Schule zur Heranbildung
junger Adeliger für den Dienst als Diplomaten, Beamte und Militärs)
wurde von Maria Theresia größtenteils in die Hände der Jesuiten
gelegt. Ebenfalls von dieser Kaiserin wurde P. Ignaz Parhamer 1759 die Leitung
des großen Waisenhauses am Rennweg übergeben. Gleichzeitig wurde
an der Universität, vor allem auf Drängen des Leibarztes der Kaiserin
Maria Theresia Van Swieten, durch verschiedenste Neuregelungen der Einfluss
des Ordens massiv eingeschränkt. Nach 1773 wurde Ex-Jesuiten die Lehrtätigkeit
an theologischen Fakultäten untersagt. Auf mathematisch-naturwissenschaftlichem
und historischem Gebiet wirkten Angehörige des aufgelassenen Ordens
jedoch weiter.
Neben den Niederlassungen Am Hof und an der Universität war seit 1628
das Noviziat des Ordens in St. Anna beheimatet (von den dazugehörenden
Gebäuden in der Annagasse steht heute nur noch die Kirche). Außerdem
waren mit dem universitären Collegium academicum drei Internate verbunden:
das Barbara-Kolleg, das Konvikt des hl. Ignatius und das Pazmanäum.
Nach der Wiedererrichtung 1814
Nachdem schon 1829 die ersten Jesuiten wieder nach Österreich gekommen
waren, entstand 1846 erneut eine Österreichische Provinz. Als 1853
die Predigten von P. Joseph Klinkowström in der ehemaligen Jesuitenkirche
Am Hof großes Aufsehen erregten, erlaubte Kaiser Franz Joseph den
Jesuiten die Rückkehr nach Wien. 1856 wurden ihnen die Jesuitenkirche
(Universitätskirche) am Dr.Ignaz Seipel-Platz sowie Räume im anschließenden
Gebäude als Wohnung übergeben. Die Ordensmitglieder arbeiteten
in verschiedenen Formen und Bereichen der Seelsorge: Predigten, Beichthören,
Exerzitien, Volksmissionen sowie Leitung von Kongregationen und Bruderschaften.
1908 übernahm der Orden wieder die Kirche Am Hof und errichtete dort
ebenfalls eine Niederlassung, die jedoch 1952 wieder aufgelassen wurde.
In der Residenz an der Jesuitenkirche gründete P. Walter Riener in
den 50er Jahren das "Soziale Bildungswerk" (1958 wurde er dann
Leiter der "Katholischen Sozialakademie"
der Österreichischen Bischofskonferenz). Die Schwerpunkte der gegenwärtigen
Tätigkeit der Jesuiten von Wien 1. liegen in der Seelsorge an der Kirche,
im Dialog zwischen Kirche und zeitgenössischer Kunst sowie in der Betreuung
der Alten Burse als eines Begegnungs- und Seelsorgezentrums für alle
Generationen (die J-GCL Alte Burse hat einen Jesuiten als Spiritual). Mitglied
der Kommunität ist auch P. Georg Sporschill, der im Jahr 1991 begann,
sich im Auftrag der Caritas um Straßenkinder in Rumänien zu kümmern,
woraus sich Concordia
entwickelt hat.
